April 2009

14. April 2009

 

Hallo Freunde des Frühlings, Sonnenschein bei Euch, Sonnenschein bei uns.  So kann es bleiben. Deal?

Wenn Ihr trotzdem ein paar Minuten vor dem Monitor verbringen wollt, könnt Ihr Euch die Fotos von unserer Reise nach Sydney anschauen, wo wir am Wochenende vor Ostern waren.

Es begann mit einem Spiel, von dem ich nie geträumt habe. Australien gegen Usbekistan im Fußball als WM-Qualifikationsspiel. Das war der eigentliche Anlass für unsere Reise, bei der Gavin mit dabei war. Die erste Halbzeit war ein Grottenkick, die zweite besser. Endstand: 2:0 für Australien. Jetzt fehlt noch ein Punkt gegen Bahrain, und die Aussies sind weiter.

Gavin hatte mir eigens ein Nationaltrikot besorgt, und wir saßen im Fanblock der Aussies. Nach dem Spiel machte ich ein paar Kurzinterviews zu Nationalstolz. Alle waren sehr nett. Lediglich für einen Befragten war schon die Frage nach Nationalstolz eine potenzielle Beleidigung –entweder  war es Doofheit oder Angriff, eine so „selbstverständliche“ Sache in Frage zu stellen. „Das Kreuz des Südens!“  schrie er mir mehrfach in mein Ohr, und dann brach er ab und sagte zu seinem Freund: „Lass‘ uns gehen…!“ Nach dem Motto: „Was stellt der Trottel für blöde Fragen!“.  Und zu Gavin, der neben mir stand, sagte er: „Erklär’s ihm“. Er hatte mich wohl in die Kategorie Doofheit eingeordnet, wäre ich in der Kategorie „Angriff auf mein Volk“ gelandet, hätte mir im übelsten Falle wohl eine Schlägerei gedroht. Gavin sagte danach nur süffisant zu mir: „Zum Glück wusste er nicht, dass ich aus Neuseeland komme…“. Vorher habe ich aber noch schnell mit dem Handy ein Foto von seinem Freund geschossen, der mir stolz zeigte, dass er sich die australischen Sterne auf seinen Rücken tätowieren lassen hat.

Tapfer riskiere ich also als Forscher mein Leben. Natürlich übertreibe ich etwas, um Spannung in den Blog zu bringen, aber um beim Thema Stolz zu bleiben, ich bin schon stolz, wen ich hier Leute zu Interviews bewege, die ich nie treffen würde, wenn ich nur kontaktscheu hinterm Schreibtisch sitzen würde. Am Ostersonntag sind Fabi und ich eigens nach einem Spaziergang in der Sonne des spätsommerlichen Hafens in Port Melbourne zum Football Stadium gefahren. Denn der Nationalsport der Australier ist nicht Soccer, sondern Australian (!) Football. Es gibt eigene Regeln, die es so nirgendwo anders gibt,  außer auf ein paar südpazifischen Inseln, wohin sie exportiert wurden. Das Ganze ist das Riesensport-Event Australiens. Am Sonntag rauften die Western Bulldogs gegen Richmond.

 Also zogen wir vor’s Stadium, denn ich wollte ein paar echte Football-Fans für meine Interviews rekrutieren.  Als wir ankamen, strömten die ersten Richmond Fans nach Hause. Noch vor Spielende, denn ihr Team hatte keine Chance mehr. Trotzdem warfen wir uns ihnen entgegen, setzten das Forscher-Lächeln auf und fragten einige von ihnen: „Hello blablabla time for an interview?“ Und tatsächlich hatten wir Glück: Gleich der erste, den wir fragten, war total freundlich und wollte das Interview am besten gleich machen. Wir vereinbarten es für den nächsten Donnerstag. Die nächsten frustrierten Fans winkten alle schnell ab. Erstaunlicherweise waren aber alle sehr freundlich – wahrscheinlich, weil ich Fabiana an meiner Seite hatte und ihr Charme international wirkt. Vielleicht aber auch typisch australisch. Am Ende hatten wir vier Leute, die sich bereit erklärt haben, in dieser Woche ein einstündiges Interview mit mir zu führen. Einer war allerdings so besoffen, dass er gestern nur „yeah“, „yeah“, „yeah“ murmelte, sich aber heute bei meinem telefonischen Rückruf nicht an mich erinnern konnte. Naja, bleiben noch drei…

Aber im Ernst, und Stolz beiseite: Ich bin froh, wenn ich wieder in Gefilde der Marktforschung zurück kehre und der Prozess der Selektion sich auf das Schreiben von Screenern (Rekrutierungsfragebogen) beschränkt. Was für ein angenehmer (und lebenswerter) Luxus, wenn man delegieren kann…

Bleiben wir noch ein bisschen beim Rekrutieren, aber nähern wir uns langsam wieder unserer Reise nach Sydney an. Den letzten Tag tourte ich durch westliche Vororte, die ich sonst nie gesehen hätte. Ich hatte eine Online Anzeige bei „gumtree“ geschaltet – einem der größten Foren – und dort nach Interviewpartnern gesucht. Mehrere haben sich gemeldet, und ich habe sie besucht. Es war interessant, mir wurden Pfannkuchen gebacken und selbst gemalte Kunstwerke gezeigt, während wir über kosmopolitische Identitäten diskutierten.

Sydney selbst ist schön, was weder für Euch, noch für uns eine Überraschung ist. Warum also viel darüber schreiben? Es ist seltsam, bei aller Schönheit Sydneys und bei aller Freude über die Reise, ich war froh, als wir wieder zurück in unserer neuen Heimat Melbourne waren. Ich habe meine neue Umgebung in Sydney vermisst. Lustig, wie schnell man Wurzeln schlagen kann und parteiisch wird.

Aber ein paar kurze Worte hat Sydney doch verdient: Wir haben sooooo viele Fotos geschossen. Hat Australien uns zu Asiaten gemacht? Wir haben sogar die Asiaten beim Fotografieren fotografiert. Sydney selbst ist eigentlich wirklich toll, was ich noch stärker zugeben würde, wenn ich nicht hoffnungslos parteiisch für Melbourne wäre. Das ist, als ob man als Deutscher Holland loben muss oder als Brasilianer Argentinien. Aber ich versuche es mal…

Es gibt so viele Buchten, und neben öffentlichen Bussen und der Metro gibt es ein öffentlichen Fährverkehr.  Man kann mit Fähren von Bucht zu Bucht übersetzen, und die herrliche Landschaft vom Wasser aus bestaunen. Tolle Strände, eine schmucke Innenstadt und ein alternatives Viertel mit Charme, Büchern und Bars. Und wir haben unsere Sehnsucht nach Brasilien in zwei stilvollen brasilianischen Restaurants mildern können. Ich habe zum ersten Mal nach über anderthalb Jahren wieder Açai (eine brasilianische Frucht des Amazonas: http://en.wikipedia.org/wiki/A%C3%A7a%C3%AD_na_tigela) getrunken und hätte fast geweint vor Rührung… Es war überraschend, wie en vogue Brasilien in Sydney zu sein schien: Am Strand von Manley wurde nicht nur Acai verkauft, es wurde auch für brasilianische Bikinis geworben, es gab ein brasilianisches Restaurant und eines der Hochhäuser am Strand hieß Brasilia. Und überall trafen wir auf Brasilianer.

Wir haben in einem Hostel zusammen mit vielen jungen Leuten gewohnt.  Das war auch sehr schön. Wenn neben mir deutsch gesprochen wurde, habe ich mich nicht als Deutscher geoutet, sondern mit Fabiana auf Portugiesisch gesprochen. So viel zum Thema deutsche Identität…

Und von unserem Fenster aus konnte man Papageien – oder jedenfalls bunte Vögel - sehen!

Bunte Vögel und Sonne. Was will man mehr?

März 2009

30. März 2009:

 

„Come on, come on, come on – we’re the fresh food people“. Den ganzen Morgen schon habe ich diesen Werbesong vom Supermarkt Safeway im Ohr und summe ihn vor mich hin. Kennt Ihr so etwas auch? Warum, weiß nur mein Gehirn. Das Schlimme (oder Gute?) daran ist, dass er mir gute Laune und Tatendrang vermittelt. Die gewünschte Botschaft kommt also an, auch wenn ich heute noch nicht einkaufen war…

Heute morgen bin ich um 5 Uhr 30 aufgewacht und war plötzlich topfit. Erst traute ich dem ganzen nicht so richtig, aber dann stand ich auf und saß schon vor 6 Uhr am Computer. Ist das wohl schon das Alter, das sich auf mich stürzt und mich immer weniger schlafen lässt? Ich hoffe nicht, denn sonstige Bestandteile von Altersreife lassen gütigerweise noch auf sich warten. Grins. Wahrscheinlich bin ich einfach nur aufgeregt, weil ich weiß, dass bald die Stunde meiner Rückkehr schlägt und ich bis dahin noch viel schaffen will.

Hinter uns liegt wieder ein sehr sonniges Wochenende im sommerlichen Herbst von Melbourne. Fabiana hat spontan von Donnerstag bis Sonntag einen Job bei der Formel Eins übernommen, und so kam ich gestern in den Genuss  freien Eintritts.  Fabi war rechtzeitig zum Start auch mit ihrer Arbeit fertig, sodass wir die Rennautos gemeinsam an uns vorbeirauschen hörten. Zusammen mit uns war eine Gruppe von Englisch-Sprachstudenten zum Event gekommen, die aus Deutschland, Italien, Holland, Brasilien und Spanien stammen (und das Ticket schon Wochen im voraus bestellt und bezahlt hatten…)

Es war ein herrlicher Sonnentag, wie Ihr den zahlreichen Fotos in der Galerie entnehmen könnt.

Am faszinierendsten am Rennen war für mich das Dröhnen der Motoren.  Ein permanentes, auf- und abschwellendes Hintergrundgeräusch  - wie Meeresrauschen. So absurd es klingen mag, ich fand,  es hatte etwas Meditatives an sich. Was für ein gigantischer Krach! Auch die Vorstellung, dass in diesen wahnsinnig schnell ihre Runden kreisenden Ungetümen Menschen sitzen, war beeindruckend.

Ein wunderschöner Sommertag bei einem Event mit über 200.000 Zuschauern...

Zum Rennen an sich muss ich allerdings sagen: Ich glaube, es handelt sich um eine Sportarten, die am langweiligsten live anzuschauen ist. Es passiert nichts, und da man naturgemäß nur an einem Fleck des Circuits sitzt, bekommt man von dem nichts, was (nicht) passiert, noch nicht einmal etwas mit – nur ansatzweise über eine am Zaun angebrachte Leinwand. Was für eine Kluft zwischen dem ganzen Hype, der mit der Formel 1 einher geht, und dem, was abläuft.

Als das Rennen los ging, war das Publikum richtig euphorisch, klatschte wild und fotografierte die Großbildleinwand, auf der man die fahrenden Autos sehen konnte, um sich zumindest einbilden zu können, dass man vom (Nicht-)Geschehen etwas mitbekam. Die in Fahnen gehüllten brasilianischen Fans, die zahlreich gekommen waren, waren so aufgeregt, dass sie gleich zwei Hymnen anstimmten: Erst sangen sie vom Stolz, Brasilianer zu sein, und dann ersetzten sie Australier, die hier anscheinend nur spärlich vertreten, jedenfalls ausgesprochen ruhig waren: „Aussie, Aussie, Aussie – oi, oi, oi“  intonierten sie.

Dann ging das große meditative Dröhnen los. Den Kommentator verstand man angesichts der Lautstärke nicht mehr. Veronika ahnte schon früh Böses, als sie die schnell an uns vorbei ziehenden Autos sah, eine wirre Masse, von der man nicht viel mehr als die Werbung auf den Wagen erkannte: „Wie soll ich denn hier den Überblick behalten?“. Fünf Runden später stellte sich die Frage nicht mehr. Allen war klar, dass keiner mehr den Überblick hatte und auch keiner mehr daran glaubte, auch nur irgend so etwas wie den Überblick behalten zu können. Worum ging es eigentlich? Irgendwann, so ungefähr nach gefühlten 10 Runden, fragte mich Dominica, vom Rennen selbst schwer gelangweilt: „Wie lange dauert das Ganze denn eigentlich?“. Als ich ihr andeutete, dass ich mit mehr als einer Stunde rechnete, guckte sie mich entsetzt mit ungläubigen Augen an. Wer glaubt, dass es sich hier nur um ein Geschlechterphänomen handelt, täuscht sich:

 Auch der Enthusiasmus unseres fahnenschwingenden Brasilianers kühlte sich deutlich ab. Mehrfach griff er zum Telefon, um sich von einem Freund, der vor dem Fernseher saß, erklären zu lassen, was eigentlich (nicht) ablief und wie der Stand des Rennens war. Und wie gesagt: Es passiert nichts. Keine schönen Spielzüge, keine Flanken , Dribblings, wie beim Fußball, keine Ballwechsel wie beim Tennis, sondern nur ein einziges, dauerhaftes Dröhnen der Motoren.

Das einzige, was passierte, waren Nummern. Die ständige Frage: wer ist erster, zweiter, dritter, die wir aber nur mit Hilfe des am Fernsehen sitzenden Freundes des Brasilianers beantworten konnten.  Ab und zu ein Crash, der über die Leinwand flimmerte. Ich merkte mir manchmal die Reihenfolge der Autos und wusste: Erster ist Button, im neuen Auto mit dem Virgin Schriftzug. Dann kommt das blaue Red Bull Auto. Da sitzt ein Deutscher drin. Dann kommt ein anderes blaues Auto etc. Aber anderthalb Stunden nur das? Selbst für hartgesottene Formel 1 Fans war der Ablauf so monoton, dass sie sich in der Mitte des Rennens abwandten, auf den Rasen setzten und picknickten. Immerhin: Picknick an einem wunderschönen Sommertag, zusammen mit 200.000 Menschen und meditativem Motorenkrach.

Faszinierend war das Umfeld des Rennens. Das Rennen fand im Albert Park statt, einem großen Freizeitgebiet mit einem See. Und es war brechend voll! Leute kamen nicht nur aus Melbourne, sondern aus aller Welt, um sich diesen Sport anzugucken, bei dem noch weniger passiert als beim Cricket.  Normalerweise ist hier ein großer Golfplatz mit 18 Löchern und die Driving Range, auf der ich immer spiele. Sie war nun eine Woche lang geschlossen.  Die alltägliche Inszenierung australischer Gleichheit und Ästhetik durch öffentliche Golfplätze wurde durch die Inszenierung von Elite und Ungleichheit abgelöst: Denn um auf den Golfplatz als neue Picknickfläche für Formel 1 Fans zu kommen, musste man viel Geld zahlen – und landete trotzdem auf den billigsten Plätzen.  Für 99 Dollar Eintritt durfte man sich im Glanz der Formel 1 auf dem neuen Picknickplatz im Dreck suhlen und gemeinsam mit den anderen Tausend Besuchern das Grün des Golfplatzes nieder trampeln.  Vom Glanz der Formel 1 kriegte man gleichzeitig wenig mit , selbst für einen Platz auf einem Gerüst hätte man extra zahlen müssen, von den vielen Gold-, Silber- und VIP-Lounges ganz zu schweigen.  Aber trotzdem durfte man sich wichtig fühlen, so nah am Puls des Weltereignisses Formel 1. Und um sich noch wichtiger zu fühlen, verteilten schöne Vodafone –Promotion Girls in Plastik eingeschweißte Werbung, die man sich um den Hals hängen durfte. Sah aus, wie ein Eintrittskarte für eine der Lounges, war aber reine Werbung, nicht mal ein Bonus. Trotzdem standen die Leute Schlange, um sich das Band abzuholen und trugen es den ganzen Tag lang um den Hals. Auch ich? Schweigen ist Gold…

Es war auf jeden Fall ein schöner Tag, und wir haben viele Fotos geschossen. Auch die Woche war sehr schön. Ich war wieder regelmäßig an der Uni in Caulfield und habe ein paar Bilder ins Netz gestellt. Am Mittwoch hat uns Fabis Englischlehrerin zu sich nach Hause eingeladen. Alle haben ein landestypisches Gericht mitgebracht. Das war ein Schmaus!

Am Mittwoch werden wir nach Sydney fliegen und dort bis Montag bleiben. Gavin kommt mit, bleibt allerdings nur bis Samstag. Am Mittwochabend gucken wir uns gemeinsam das Fußball WM-Qualifikationsspiel Australien gegen Usbekistan an. Das Spiel meiner Träume! Grins. Gut, ich gebe zu, ich wusste vorher gar nicht, dass es ein Land gibt, das Usbekistan heißt. Aber gut. Wenn Australien gewinnt, sind sie ggf. als eines der ersten Teams für die WM qualifiziert. Wir wollen vor und nach dem Spiel Interviews zu Nationalstolz machen. Ich freue mich schon auf Sydney und werde dann Anfang nächster Woche hier berichten.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche! Mir ist zu Ohren gekommen, dass der Frühling endlich da ist….

22. März 2009

Liebe Freunde, liebe Familie!

Beginnen möchte ich diesen Blog ausnahmsweise mit ein bisschen Werbung in eigener Sache. In einem meiner vorherigen Blogs habe ich ja schon darauf hingewiesen, dass Fabi seit einigen Wochen daran arbeitet, eine deutschsprachige Website zu erstellen, in der die vielen spannenden Facetten Brasiliens in den Vordergrund gerückt werden. Jetzt sind wir sehr froh, Euch mitzuteilen, dass die erste Version online ist. Unter http://www.kultbrasil.de könnt Ihr Euch selbst einen Eindruck verschaffen. Über Rückmeldungen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge freuen wir uns natürlich ebenso, wie wir es begrüßen würden, wenn Ihr ab und zu mal wieder auf den Seiten von kultbrasil.de vorbei schaut und die Seite auch Euren Freunden empfehlt, die mit Sicherheit entweder bereits begeistert von Brasilien oder noch begeisterungsfähig sind…

In die Bilder-Galerie dieses Blogs habe ich ein paar Bilder von unserem Wochenende gestellt, das sehr schön war. Am Freitag ist Gavin aus Indonesien wieder gekommen – für die restliche Zeit meines Stipendiums werden wir nun zusammen hier vor Ort arbeiten und mir das Büro an der Monash University mit ihm teilen. Trotz Jetlag sind wir gleich mit ihm und Terri seine Rückkehr feiern gegangen. Am späten Freitagnachmittag sind die Bars in der Melbourner Innenstadt immer rappelvoll – der Beginn des Wochenendes wird durch ein Feierabendbier eingeleitet. Der Sommer ist noch einmal zurückgekommen, und so saßen wir auf den Treppen von Mr. Tulk in der Spätnachmittagssonne und haben Gavin von Indonesien erzählen lassen. Abends haben Fabi und ich ein neues Kino entdeckt: es gibt keine Sitze, sondern wie in einer Lounge Puffs, auf denen man es sich zu zweit gemütlich machen kann. Richtig klasse! Auf ein paar Fotos in der Galerie könnt Ihr es Euch anschauen! Allerdings war Slumdog Millionaire nicht unbedingt ein Film zu entspannen... Am Samstag war es richtig heiß hier. Am Nachmittag sind wir zunächst zur Driving Range gefahren, auf der ich auf 50 Bälle eingedroschen habe, ehe wir einen schönen Spaziergang am Hafen von Port Melbourne gemacht und Fish & Chips gegessen haben. Abends waren wir eingeladen: Zwei Doktorandinnen, die Anfang des Monats bei meinem Kurzvortrag an der Uni Melbourne dabei waren, hatten für mich und Fabi ein Abendessen organisiert und auch Gavin dazu eingeladen. Dazu kamen noch ein paar andere Doktoranden und junge Mitarbeiter des Youth Centres. Die Gastgeberinnen haben sich mächtig ins Zeug gelegt, und uns sehr guten Wein und eine Vielfalt von Speisen in sehr geschmackvoller Atmosphäre serviert. Es war sehr schön, und wir haben uns sehr geehrt gefühlt. Leider konnten wir deshalb nicht zu Andy, einem Australier, der uns zu einem Livekonzert eingeladen hatte, auf dem er selbst performte. Manchmal gibt es nichts, und manchmal kommt alles auf einmal. Dieses Wochenende hätte ich mich noch mit den internationalen Studenten aus meinem inzwischen abgeschlossenen Englisch-Kurs treffen können, außerdem gab es hier noch ein Greek und ein Thai-Festival.

Heute bin ich über 5 Stunden auf dem Rasen spazieren gegangen. Wow! Das war wirklich unbeschreiblich… Zusammen mit meinem Mitbewohner Faz und einem seiner Freunde, Adrian aus Hong Kong, haben wir in Brighton 18 Löcher Golf gespielt. Ich bin zum ersten Mal von der Driving Range weggekommen. Das Tolle in Australien ist ja, dass man hier nicht Mitglied in einem Golf-Club sein muss, um spielen zu können. Auch Handicaps, Platzreife und sonstigen Schnickschnack braucht man hier nicht. Man zahlt einfach einmal einen Obulus von ein paar Dollars (heute am Sonntag 24 Dollars, das sind 12 Euro für 18 Löcher) und legt los.

Insgesamt waren wir mit einer Pause nach 9 Löchern von 12 Uhr 30 bis 18 Uhr unterwegs. Es hat richtig Spaß gemacht! Es lief auch einfacher und besser als erwartet. Lediglich beim letzen Loch habe ich mich in den Sandbunkern verheddert. Zwei Bälle von mir sind in den Büschen verschwunden, aber keiner wurde in einem Teich versenkt. Danach war ich richtig müde – wer hätte gedacht, dass spazieren gehen so anstrengend sein kann.

In der nächsten Woche wird es bei mir richtig rund gehen. Ich sitze zur Zeit an drei Aufgaben gleichzeitig: Erstens schließe ich die Auswertung der Interviews ab, die ich in Brasilien geführt habe und widme ihnen ein Kapitel.  Zweitens führe ich meine Interviews in Australien, und drittens wollen Gavin und ich uns jetzt an einen englischen Artikel machen, in dem wir eine Diskursanalyse machen, wie die Medien sich in den letzten Jahren auf  den Australia und den ANZAC Day beziehen. Australien hat nämlich zwei Nationalfeiertage: neben dem Australia Day, über den ich mich im Januar ja schon hier ausgelassen habe, noch den ANZAC Day im April. Gefeiert – und das ist ungewöhnlich – wird eine Niederlage: Am 25. April wird gefeiert, dass die Australier und Neuseeländer Seite an Seite im ersten Weltkrieg gekämpft-  und sich dann in Galliopi den Türken geschlagen geben mussten. Die hohe Wirkkraft des Tages hat damit zu tun, dass Australien sich damals als eine noch sehr junge Föderation zum ersten Mal als unabhängiges eigenständiges Land erlebt hat. Im April sind wir ja noch hier, und ich werde dann sicherlich ausführlicher berichten

Euch allen wünsche ich eine wunderbare Woche. Der Frühling ist da, und ich hoffe, dass Ihr ihn nicht nur auf dem Papier erlebt…

15. März 2009

 

Erst schreibe ich ganz lange gar nichts, und jetzt kommt nach nur zwei Tagen eine neue Aktualisierung. Allerdings ist dieser Blogeintrag mehr ein Erläuterungstext zu den neuen Fotos – wer es noch nicht gesehen hat, einen längeren Text habe ich am 12.3. geposted.

 

Am Freitagabend sind wir mit Sarah und Peter in die Berge gefahren, um unsere ersten Kängurus in Australien zu finden. Und, ich nehme es vorweg, wir sind fündig geworden – der Beweis ist in der Foto-Galerie zu sehen!!!

Sarah und Peter haben die Reise organisiert und waren unsere Scouts. Es war wunderbar, sie haben uns an tolle Plätze geführt. Sarah ist eine Kollegin, die ich an der Monash Uni kennen gelernt habe. Sie ist dort für die Lateinamerikastudien zuständig und interessiert sich, wie ich, besonders für Brasilien. Unter anderem hat sie einige sehr gute Artikel über das brasilianische Kino geschrieben. Sie stammt aus Neuseeland, und ihr Mann Peter kommt aus Holland, lebt aber seit sieben Jahren in Australien. Ein Deutscher und ein Holländer zusammen in den Bergen – kann das gut gehen? Es ging, wir haben viel gelacht und gesungen: Ich: „Ohne Holland fahren wir zur WM“ und Peter „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei...“ Im Ernst: Wir hatten viel Spaß!

 

Wir sind in die Grampians gefahren, ein gebirgiges Hinterland, das etwa drei Stunden von Melbourne entfernt in unserem Bundesstaates Victoria liegt. Dort übernachteten wir im kleinen Örtchen Halls Gap. Waldbrände gab es dieses Jahr in den Grampians nicht. Allerdings zeugen viele schwarze, verbrannte Baumrinden von den großen Feuern, die hier vor ein paar Jahren gewütet haben. Inzwischen vermischen sich verbranntes Schwarz und frisches Grün – wie man auf einigen Fotos erkennen kann.

 

In den Grampians hatten wir eine kleine Hütte vor uns – richtig gemütlich! Die Hütte lag mitten in einem Freiwildgebiet, in dem die Kängurus frei herum hüpfen konnten. Schon abends wurden wir von ihnen empfangen, und auch danach haben wir sie immer wieder geortet, und unserer kindlichen Freude freien Lauf gelassen. Außerdem haben wir Emus und Papageien gesehen. Am Samstag haben Peter und Sarah uns durch die eindrucksvolle Landschaft kutschiert – mit wunderschönen Aussichten und einem prachtvollen Wasserfall.

 

Ein wunderschönes Wochenende ohne Computer, das wir genossen haben. Gemeinsam geteilte Freude mit neuen Freunden und idyllisches Ambiente. Und trotzdem muss ich gestehen: Heute am Sonntag habe ich schon Melbourne vermisst und war richtig froh, als ich wieder in das bunte Treiben unseres Shopping Centers eintreten konnte. Das erste, was ich hier gemacht habe, nachdem wir die Koffer abgeladen haben, war ein Gang zu Breadtop – unsere chinesische Bäckerei, die in der Restaurant-Meile unseres Shopping Centers liegt. Das Shopping-Center platzte am Sonntagnachmittag aus allen Nähten, herrlich, dieser Trubel!  Bei Breadtop sah ich ungefähr 12 chinesische Gesichter, die sich mit mir durch die kleinen Küchlein an den Theken beugten. Glücklich lächelnd habe ich mir einen großen „Flat White“ Kaffee gekauft, bin im Aufzug zu uns hoch gefahren und habe den Computer angeschmissen: Was ist schöner als zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen, Kaffee zu trinken, sich gemütlich zurückzulehnen und die Bilder von einem Ausflug auf’s Land anzugucken? Ich bin ein bekennender Städter ...

 

12. März 2009

Nach langer Zeit endlich mal wieder ein Blog-Eintrag von mir. Bitte entschuldigt die lange Funkstille! Erst kamen die Buschfeuer, und dann der neue Alltag an der Uni – da ich hier nur ein paar Monate habe, will ich ja auch etwas schaffen!

In nächster Zeit werden aber sicherlich wieder mehr und in kürzeren Abständen neue Fotos und Berichte kommen, da wir in der zweiten Hälfte unseres Aufenthalts  mehr reisen werden als bisher – und es dann auch wieder mehr zu erzählen gibt. Jetzt am Wochenende machen wir zusammen mit zwei neuen Freunden einen Ausflug ins Hinterland, in den Naturpark der Grampians. Dann werden wir auch endlich Kangaroos zu Gesicht bekommen, und nächste Woche könnt Ihr die Fotos dann hier sehen. Heute stellen wir ein paar Fotos herein, die wir in den letzten Wochen geschossen haben. Die letzten Wochen standen aber eindeutig unter dem Vorzeichen „neuer Arbeitsalltag“ und nicht unter dem Stern von Entdeckungsreisen.

Ich habe zunächst ein paar Wochen lang in der State Library gearbeitet, die gleich gegenüber liegt. Inzwischen ist es mir dort aber zu voll und das Internet zu langsam, außerdem kommen nachmittags die Schüler, und es wird unruhig. Deshalb fahre ich jetzt jeden Tag mit dem Zug nach Caulfield und arbeite in meinem Campus-Büro.  Ich fühle mich dort inzwischen richtig wohl. Das hängt auch damit zusammen, dass hier Anfang März das Semester angefangen hat. Während der Campus bei meiner Ankunft noch verwaist war, tummeln sich jetzt die Studenten – und was für eine tolle internationale Mischung. Ich habe inzwischen erfahren, dass die Monash University im internationalen Times Ranking zu den 50 weltweit besten Universitäten gezählt wird. Deshalb kommen wohl die ganzen Studenten aus Asien. Es ist echt eindrucksvoll!

In den letzten drei Wochen habe ich mittags jeweils zwei Stunden lang an einem kostenlosen Sprachkurs teilgenommen. Zwei Stockwerke unter meinem Büro befindet sich das Language Centre der Universität. Nicht nur das Studium, auch ein Sprachkurs ist hier richtig teuer und kostet an der Monash Uni normalerweise ca. 340 australische Dollars (ca. 170 Euro) pro Woche. Jetzt aber wurden neue Lehrer ausgebildet und mussten üben: Deshalb wurden kostenlose Sprachkurse angeboten, in denen die neuen Lehrer ihre Fähigkeiten testen konnten. Ein lustiges Szenario, da immer 6 Lehrer pro Doppelstunde anwesend waren - und sich Beobachtungsrollen und aktives Lehren aufteilten. An manchen Tagen waren mehr Lehrer als Studenten dar! Meistens kamen aber ungefähr 8-10 Studenten. Ich habe durch Zufall davon erfahren.

Auf der einen Seite ist der Kurs ein bisschen zu leicht, obwohl ich durchaus Neues zur Grammatik gelernt habe. Außerdem hat er mir auch ganz schön viel Zeit geraubt, sodass ich mit dem Schreiben meines neuen Buchs etwas hinter meinen Zeitplanungen hinterher hinke. Aber andrerseits hat mir der Kurs sehr gut getan: Denn ich bin es nicht mehr gewohnt, die ganze Zeit als Einzelkämpfer vor mich hin zu arbeiten. Mir  hat das Moderieren von Gruppendiskussionen gefehlt, und es war sehr interessant, mal wieder in die andere Rolle als Teilnehmer einer Gruppe zu schlüpfen, während die Leistung der Anderen beobachtet wurde. Am besten gefallen mir die neuen Kontakte, die ich geknüpft habe. Die meiste Zeit über war ich der einzige Vertreter Europas, und meine neuen „Schulfreunde“ kommen aus China, Korea, Japan, Saudi-Arabien und Iran. Außerdem sind die australischen Lehrer sehr offen, und auch sie werde ich wieder sehen, selbst wenn der Kurs morgen erst mal zu Ende geht – und ich mich jetzt definitiv wieder konzentriert auf mein Projekt stürzen werde.

Meist bleibe ich dann bis zum frühen Abend auf dem Campus und gehe, wenn ich abends zurück komme, zum Ausgleich in die Muckibude auf dem Dach des Shopping-Centers, in dem wir wohnen. Auch das ist ein neues Erlebnis – wirklich unterhaltsames Sporttreiben. Auf dem Laufband gibt es Fernsehen, und neulich bin ich glatt eine halbe Stunde länger als geplant gelaufen, nur um das Ende einer Komödie mit Adam Sandler nicht zu verpassen. Und im Pool nebenan ist auch immer was los, ein gemischtes Schwimmen mit den unbekannten, meist asiatischen Nachbarn und Nachbarinnen aus den 44 Etagen unseres Hochhauses.  Ein paar Gesichter erkenne ich inzwischen aber sogar wieder.

Und kurz vor Mitternacht machen wir meist unsere Einkäufe. Unten im unserem Shopping-Center Home gibt es einen großen Supermarkt, der eigentlich einen eigenen Blogeintrag verdient hätte. Er heißt Safeway, und I love it! Breite Gänge, ruhige gediegene Atmosphäre, kein Vergleich etwa mit Real in Deutschland. Das beste aber ist der Bezahlvorgang: Man braucht nirgendwo Schlange stehen, sondern geht einfach an einen Kassenautomaten, scannt seine Artikel selbst ein, bezahlt per Kontokarte und geht nach Hause. Wenn man eine Frage hat oder einen Fehler gemacht hat, kommt ein freundlicher Mitarbeiter und hilft einem sofort. Mir graust es schon wieder vor den Schlangen bei Plus...

So ziehen die Tage ins Land. Ab und zu gehen wir auch ins Kino, ein paar Mal waren wir in South Melbourne an der schönen Strandpromenade und haben Fish & Chips gegessen. Leider ist die koreanische Freundin meines Mitbewohners für ein paar Wochen nach Seoul geflogen, sodass Faz und ich erst mal keinen Unterricht mehr im Golfabschlag bekommen. 

Fabiana nutzt derweil die Nachmittage dazu, an einer neuen Seite über Brasilien zu arbeiten. Bald kommt der Launch, Ihr könnt gespannt sein – die Seite wird wirklich gut!

Wenn der der Englischkurs vorbei ist, werde ich mit Terri  ein Sprach-Tandem bilden. Gavin und sie werden Ende des Jahres wieder für ein paar Monate nach Berlin ziehen, also ist es gut für sie, ihr Deutsch zu trainieren. Gavin kommt auch bald aus Indonesien wieder, sodass wir die letzten zwei Monate konzentriert zusammen an unseren gemeinsamen Projekten arbeiten können. Letzte Woche habe ich übrigens mein Projekt an einer anderen Top-Uni Australiens vorgestellt, an der Uni Melbourne. Den Kontakt habe ich vom meinen Doktorvater vermittelt bekommen – noch einmal vielen Dank! Es war eine sehr anregende und muntere Runde, die mir teilweise wie eine Gruppendiskussion vorkam. Auf jeden Fall sehr inspirierend.

In der nächsten Woche starte ich meine Interviews. Morgen schreibe ich den Leitfaden zu Ende. Ich freue mich schon darauf. Besonders beleuchten werde ich verschiedene Ansichten zum Thema Transnationalität und Multikulti-Gesellschaft – ich bin schon sehr neugierig, Außerdem muss ich in den verbleibenden gut zwei Monaten unbedingt noch mehr lesen und schreiben. Bisher habe ich zwei Kapitel weitgehend fertig und Einiges exzerpiert – aber ich habe noch eine lange Strecke vor mir.

Jetzt möchte ich zum Abschluss aber noch auf eines meiner Lieblings-Reizthemen in diesem Blog zu sprechen kommen: „die Krise“. Eine Zeit lang habe ich es mir verboten, jeden Tag auf die Seiten von spiegel.de zu gucken – erstens, um nicht so viel auf deutsch, sondern mehr auf englisch zu denken, zweitens, um nicht so viel Zeit durch’s Surfen im Internet zu verlieren. Aber, hier in Australien gibt es keine politischen Wochenmagazine, zumindest keine, die meine Gesprächspartner kennen würden oder die im Supermarkt zu kaufen wären. Also bin ich wieder rückfällig geworden. Und mich überkommt bei jedem Besuch der Seite das kalte Grauen: Wenn man den deutschen Spiegel hier in Australien liest, denkt man, dass der Weltuntergang nur noch eine Frage von Sekunden sein kann. Schlechte Nachrichten und miese Stimmung allenthalben. Stellenabbau, Selbstmorde, Amok-Läufe, politische Intrigen, Neonazis, taumelnde Unternehmen, Kaufzurückhaltung, Panik, Angst vor Schlimmerem. Hier in Australien ist die Krise auch immer wieder Top-Thema in den Nachrichten, und die Arbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Stand seit 4 Jahren, aber trotzdem ist sie nicht so omnipräsent wie sie mir zumindest aus meiner Perspektive von hier in Deutschland zu sein scheint. Vielleicht ist es gut, dass es hier morgens ist, wenn die Börse in New York schließt, und man den ganzen Tag über Ruhe hat.  Dann dominieren Wetter, Sport, Klatsch und Tratsch die Nachrichten, und Sonne sowie kurze Röcke die Straßen. Die Cafes, Kinos und Shopping-Center sind voll, und mein Lieblings-Supermarkt Safeway stellt vor lauter Konsumfreude sogar neue Leute ein. Ab und zu gucke ich mir auch die brasilianischen Nachrichten an und stelle beruhigt fest, dass dort die Krise weder Sport, noch Telenovelas aus den Titelschlagzeilen vertrieben hat.

Ich habe ja vor ein paar Wochen für Spaziergänge mit grünen Büchern geworben, um nicht dem Gefühl zu verfallen, auf ewig im Nebel einer nicht enden wollenden Krise zu versinken, sondern seine eigene Kräfte zu spüren. Ich möchte dem jetzt noch ein Einiges hinzu fügen. Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass die Krise da ist und insbesondere in peripheren Regionen schlimme Auswirkungen haben mag und weiter zeigen wird. Auch die Gefährdung sozialer Integration durch Erwerbsarbeit in reicheren Regionen wie Deutschland will ich nicht leugnen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – finde ich, dass man sich nicht einer imaginierten Krise ergeben darf. Mich nervt diese allgemeine Miesepetrigkeit und Weltuntergangsstimmung in Deutschland, wenn ich sie denn aus der Ferne richtig wahrnehme (und wenn nicht: um so besser). Kein Wunder, dass einige Leute durchdrehen, wenn sie immer nur Krise, Krise, Krise hören. 

Krise hin, Krise her – wenn ich an den Alltag auch in Deutschland denke, ist heute so viel so ungemein besser als vor 10,15 Jahren, dass man eigentlich jeden Tag laut jubelnd aus dem Bett springen müsste, weil einem so viele neue Möglichkeiten und so viele Erleichterungen zur Verfügung stehen. Ich will hier nur ein paar Beispiele geben: Wenn ich vor 15 Jahren während meines Studiums einen Artikel in einer Fachzeitschrift lesen wollte, musste ich in der Bibliothek auf einem damals hypermodernen lokalen Datenbanksystem danach suchen – und war richtig glücklich über so viel Fortschritt! Ich erinnere mich sogar noch daran, wie ich Anfang der 90er Jahren meine ersten Semesterarbeiten auf einem Nadeldrucker ausgedruckt habe und die Dozenten beeindruckte, weil ich eine per Computer geschriebene Arbeit abgeliefert habe. Aber zurück zu den Fachartikeln: Wenn ich sehr viel Glück hatte (und das hatte ich durchaus nicht immer), gab es die Zeitschrift sogar irgendwo in der Bibliothek. Ich musste mich dann durch die Regale wühlen, den Artikel finden und irgendwo in schlechter Qualität kopieren. Heute habe ich über die Universität direkten Zugriff nicht nur auf ein weit verbessertes, internetbasiertes Datenbanksystem, sondern auf fast alle Artikel aller wissenschaftlichen Fachzeitschriften im Volltext. Zwei Klicks, ein Passwort und ich habe den Text als PDF-Dokument auf meinem Rechner. Und das auch von den meisten internationalen Fachzeitschriften - Que maravilha, wie wunderbar!

Aber auch der nicht-wissenschaftliche Alltag bietet doch heute Möglichkeiten, die noch vor 10,15 Jahren ein utopischer Traum waren: Mit meiner Mutter und meinem Sohn kann ich heute von Australien nach  Deutschland kostenlos per Skype oder MSN in guter Qualität per Video telefonieren, sodass ich jedes Wochenende zumindest mit meinem Sohn ein paar Faxen machen kann. Um den richtigen Golfschwung zu lernen, kann ich mir bei Youtube Lehrvideos en masse anschauen. Außerdem kann ich dort fast jedes Musikvideo on demand angucken, das ich sehen will – keine Abhängigkeit mehr von doofen Radioprogrammen mit lauer Stimmungsmache und fader Werbung wie noch vor 15 Jahren. Wenn ich doch mal bequem sein will, rufe ich Radio Globo aus Brasilien auf und höre hier in Australien brasilianisches Web-Radio mit einer Super Musikmischung.

Zum Sprachenlernen gibt es livemocha.com oder babbel.com. Einfach anmelden und schon gibt es nicht nur kostenlose Multimedia-Kurseinheiten zu fast allen Sprachen, sondern auch noch eine offene Gemeinschaft von Sprachenlernenden aus aller Welt, die einem die eigenen Übungen korrigieren und mit denen man auch noch Freundschaft schließen kann. Alles kostenlos und ganz ohne Mühe – wie hätte ich das vor 15 Jahren machen sollen? Ich war schon froh, als es Sprach-Cassetten gab, die ich vor- und zurückspulen konnte.

Überall unterwegs kann ich Fotos mit dem Handy machen – und wenn die Qualität auch viel schlechter ist als bei größeren Digitalkameras, so what? Vor 15 Jahren hatte ich noch nicht einmal ein Handy! Und gute Digitalkameras gibt es heute auch schon für nen Appel und Ei, und selbst die schlechtesten Fotos kann man mit dem kostenlosen Programm Picasa noch aufwerten. Wenn ich etwas kochen will, gibt es umfassende Rezeptsammlungen zum Beispiel bei chefkoch.de, sodass ich in Sekundenschnelle Ideen bekomme, was ich kochen könnte – nach eigenen Suchkriterien. Über Google und Wikipedia kann ich mich in Sekundenschnelle über Geschichte, Kultur und Skurriles aus aller Herren Länder informieren, sodass ich in ein paar Minuten mehr weiß als meine Gesprächspartner aus dem gesamten lokalen Geschichtsunterricht ihrer Schulzeit erinnern. Flickr, Facebook und Orkut sowie diverse Blocks bieten gigantische Foto-Archive, in denen man umherstreifen und sich inspireren lassen kann. Immer mehr autonome Blogs entstehen, die ebenfalls Anregungen bieten. Überhaupt – was für Kommunikationsmöglichkeiten haben wir. Statt warten zu müssen, um nach 18 Uhr ein Ortsgespräch zu führen, gibt es Flatrates aller Art. Um seiner eigenen Kreativität Ausdruck zu verleihen, gibt es Homepagebaukasten Anbieter wie Jimdo. Selbst wenn man nur irgendein Fußballspiel aus Bundesliga oder Champions-League ansehen will, kann man sich mit Hilfe von P2P Anbietern nach chinesischen Sendern umschauen, die dies zufällig gerade übertragen. Communities wie XING, Orkut oder Facebook machen es einfach wie nie, weltweit und lokal Gleichgesinnte zu finden und interessante neue Kontakte zu knüpfen. Wenn ich reisen will, kann ich mich über Seiten wie holidaycheck.de im Vorfeld umgucken, um schlechten Unterkünften aus dem Weg zu geben, es gibt Google Maps und zahlreiche Flugangebote. Und und und. Die Liste ist zufällig, nicht einmal ansatzweise vollständig, aber sie zeigt doch: Es ist mehr im Fluss als die Krise, und nicht alles wird schlechter! Und um all die Angebote zu nutzen, die ich beschrieben habe, braucht man nicht einmal viel Geld!

Zum Schluss eine Randbemerkung zu einem Randphänomen, das die Krise an den Rand drängt: In den letzten Wochen haben wir mehrere Leute kennen gelernt, welche die Krise nach Australien geführt hat: Nachdem sie ihren Job verloren hatten, haben sie sich hier eine Auszeit genommen. Traurig hat keiner drein geblickt...

Februar 2009

09. Februar 2009

 

In den letzten Tagen ist auch in den deutschen Medien häufiger auf Australien Bezug genommen worden. Leider aus einem sehr traurigen Anlass: Nach ein paar Tagen großer Hitze und vielen Wochen ohne Regen ist es hier im Bundesstaat Victoria am Wochenende zu mehreren heftigen und unkontrollierten Waldbränden gekommen. Dabei hat es eine noch nicht abschätzbare Anzahl von Todesopfern gegeben – gegenwärtig werden 108 Opfer gezählt.

Natürlich beherrschen diese Nachrichten nicht nur die Medien in Melbourne, sondern auch die Stimmungslage in der Stadt. Die Psychologie-Fakultät der Monash University, an der ich als Gastwissenschaftler tätig bin, hat sogar eigens einen Krisenstab zur Betreuung von Angehörigen der Opfer eingerichtet.

Angesichts der Nachrichtenlage möchte ich hier kurz per Blog allen Lesenden mitteilen, dass es Fabi und mir gut geht.

In Melbourne selbst hat man von den Bränden in den umliegenden Gebieten nur über die Medien etwas mitbekommen. Auch die Hitze war nicht unangenehm, weil wir uns die meiste Zeit in klimatisierten Räumen aufgehalten haben. Außerdem war es trotz Tagestemperaturen von deutlich über 40 Grad nachts immer noch kälter als ich es beispielsweise im Sommer in Bahia erlebt habe.

Richtig heiß war es am letzten Samstag. Wir hatten Spitzenwerte von 46,4 Grad. Ich war nur sehr kurz draußen, und es war wie ein Szenario aus einem Science-Fiction-Film. Denn die Wetterlage war eher bedeckt , und es war ein bisschen windig  - nur dass der Wind so heiß war, als ob jemand einen Fön  angelassen hätte.

Inzwischen ist es hier deutlich kälter: Heute schwankt die Temperatur zwischen 15 und 21 Grad, und in dieser Woche werden wir wohl die 30 Grad nicht erleben. Da aber der Regen nach wie vor ausbleibt, lodern die Feuer um uns herum vorerst weiter.

Damit Ihr uns glaubt, dass es uns gut geht, haben wir in die Picture Gallery ein paar neue Fotos gestellt, unter anderem von meiner Uni in Caulfield und aus der State Library – als den beiden klimatisierten Arbeitsplätzen, die uns die Hitze vergessen lassen haben.

Ich hatte gestern einen längeren Blogeintrag vorbereitet, in dem ich über unseren Alltag hier in Melbourne reflektiere und auch schildere, wie wir Fabianas Geburtstag am Freitag gefeiert haben. Angesichts der dramatischen Ereignisse um uns herum stelle ich ihn vorerst zurück.

Ich wünsche Euch allen eine produktive und inspirierte Woche!

 

Januar 2009

27. Januar 2009

Happy Australia Day! Happy New Year!

Aussie Aussie Aussie Oi Oi Oi

Gestern haben wir mit den Australiern gleich zwei Feste gefeiert: den Nationalfeiertag und das neue chinesische Jahr.

Hand auf’s (patriotische) Herz – was macht Ihr am Nationalfeiertag? Wenn das Wetter gut ist, freut man sich und geht spazieren (in Deutschland) oder an den Strand (in Brasilien), und wenn das Wetter schlecht ist, freut man sich, dass man länger schlafen kann oder macht Sachen, die liegen geblieben sind. Aber seid Ihr jemals zu einer der offiziellen Festveranstaltungen gegangen?

Als tapferer Forschungsreisender auf der Suche nach australischer Identität scheue ich keine Opfer und habe ich mich zusammen mit Fabiana auf den Weg gemacht. Als wir loszogen, wussten wir nicht so recht, was uns erwartet – und ob uns überhaupt etwas erwartet. Schließlich ist Melbourne nicht die Hauptstadt, und wer weiß, ob hier wirklich jemand feiert...

Und ob uns etwas erwartete: Die Straßen und Parks waren voller Menschen, die sich in Australiens Fahnen gehüllt hatten, sich australische Flaggen auf die Wange gemalt hatten oder gelb-grüne australische Sport-Trikots trugen. Sogar manche Hunde waren beflaggt. Schaut auf unsere Fotos – dort ist der Beweis!

Die ganze Stadt feierte ein sommerliches Volksfest. In den Parks waren lauter Stände aufgestellt. In einigen konnte man sich seinen eigenen Bumerang basteln, in einigen gab es australisches Beef – aber auch „Dutch Poffertjes“. Auf den Straßen eine Oldtimer-Parade mit australischen Flaggen. Kinder malten auf Postkarten „my vision for Australia“, und die Karten wurden an eine Wäscheleine auf die Wiese gehängt. Später erfuhren wir, dass es in der ganzen Stadt Events gab, wie zum Beispiel Rock Konzerte etc. Ähnlich ging es in anderen Städten Australiens zu. Keine steifen Feierlichkeiten und Reden, sondern überall ein großes gemeinsames Sichtummeln, eingehüllt in Nationalfarben.

Es wurde aber nicht nur der Australia Day gefeiert, sondern auch das neue chinesische Jahr. „Happy new year“, rief mir eine Chinesin im Park plötzlich zu. Hatten wir das nicht gerade erst? Naja. In Melbourne wurden die Feierlichkeiten bewusst miteinander verflochten. So gab es mitten im australischen Trubel einen Platz, auf dem die Kinder sich China-Hüte basteln konnten und die Erwachsenen Tee trinken oder chinesische Kampfkunst bewundern konnten.

Abends dann ein großes Fest auf dem Federation Square, der eigentlich für die Dauer der Australian Open in „Tennis Square“ umgetauft worden war. Statt der Tennisübertragung auf dem großen Outdoor Monitor gab es diesmal eine Show. Happy Australia Day und Happy New Year wurden verflochten, und am Ende leuchteten auf der Leinwand nicht nur die Sterne, die Australien symbolisieren, sondern daneben hoppelte eine virtuelle Kuh über die Leinwand. Eine Kuh? Ja, das neue chinesische Jahr ist das der Kuh.

Und dann zum Abschluss wieder ein großes Feuerwerk. Wow, wir sind nicht einmal einen Monat in Australien und haben schon zweimal Neujahr gefeiert und zweimal Feuerwerke gesehen. Die Aussies freuen sich wirklich, dass wir hier sind! Danke, Australien!

Aber mal im Ernst – könntet Ihr Euch vorstellen, dass in Deutschland zugleich Tag der deutschen Einheit und ein türkisches Volksfest gefeiert wird? Und Horst Köhler und Angela Merkel halten ihre Reden nicht vor einem symbolträchtigen Mauerwerk, sondern im Rahmen einer Einbürgerungszeremonie. „Schön, dass Sie jetzt Deutsche geworden sind“, sagen sie zum Beispiel einer freudestrahlenden Brasilianerin, äh Neu-Deutschen, die ihnen entgegnet, dass Deutschland jetzt einen gleichberechtigten Platz in ihrem Herzen neben Brasilien einnehmen wird.

Unvorstellbar? In Australien ist es Realität. Premierminister Kevin Rudd hielt seine Ansprache zum Australian Day just bei einer solchen Einbürgerungszeremonie und wollte damit wohl auch bewusst ein Zeichen setzen, dass Australien auf eine bewegte Migrationsgeschichte zurückblickt und darin seine Wurzeln sieht. Und nicht nur Kevin Rudd, sondern auch der Bürgermeister von Melbourne hielt seine Ansprache im Rahmen einer Einbürgerungszeremonie. Daher mein Beispiel mit der Brasilianerin, denn ich zitiere die Herald Sun von gestern:

“Melbourne Lord Mayor Robert Doyle kicked of citizenship proceedings this morning, welcoming more than 100 people from 24 countries as new Australians at Melbourne Town Hall this morning.  Among them Clarisse Kent, who struggled to hold back tears as she hugged family and friends.  >>I have waited for this day for such a long time,<< Ms Kent said.
Born in Brazil, Ms Kent tried for more than five years to gain citizenship so she could live here with husband Scott.  >>It means so much to me. I want to participate in the political life of the country, I want to contribute as an Australian citizen,<< she said.  >>Brazil will always be in my heart, but now it shares a place with Australia, my home.<<”

Nach der Zeremonie gab es übrigens einen Multikulti-Marsch durch die Stadt mit dem Bürgermeister an der Spitze. Diesmal zitiere ich Australia Associated Press (AAP):

“Flags of all nations have featured as a symbol of unity in a colourful Australia Day parade in central Melbourne. In a nod to the >>We Are One, But We Are Many<< catchphrase, the Australia Day People's March was represented by dozens of Victorian cultural and ethnic groups, including the Laughter Club, Guides Victoria and the Federation of Chinese Associations, whose members graced Swanston Street with a sea of Chinese dragons.”

Kommen Euch schon die Tränen vor lauter Mutikulti-Freude und Stolz auf unser neuer australisches Vaterland? Wenn Ihr dem Frieden nicht so ganz traut, seid Ihr möglicherweise nicht auf der falschesten Spur. Denn auch über Misstöne wurde leise berichtet: Nicht in Melbourne, sondern in einer anderen Region Australiens gab es Aufstand gegen zu viel Multikulti: „Fuck off, we are full“ brüllte dort eine Horde junger Weißer, schlug Autofenster ein, attackierte einen indisch-stämmigen Taxifahrer und einen asiatischen Shop. Es war nur eine kleine Notiz, und am Ende waren gerade mal drei Autos beschädigt. Aber trotzdem ein Signal dafür, dass nicht alles so heiter und ungetrübt ist, wie es dem Wunsch der Politiker nach erscheinen soll.

Es herrscht also Aufklärungsbedarf – ein Fall für das Spürhundpaar Fabiana und Thomas.  Kommen wir also endlich zu der eingangs erwähnten Expedition ins Ungewisse. Wie ist das denn nun mit dem Nationalbewusstsein der Aussies? Mutig schmissen wir uns auf die Masse. Sobald wir irgendjemanden mit australischer Flagge sahen, machten wir Jagd auf ihn, schmissen uns auf ihn und – umarmten ihn, ganz unabhängig davon, ob unser Opfer dick und dünn, jung oder alt, schön oder hässlich war. Wir kannten kein Erbarmen und hatten keinerlei Schamgrenze. Und kaum hatten wir unser Opfer umarmt – schossen wir... ein Photo. Eine Auswahl unserer Sammlung könnt Ihr in der Foto-Galerie betrachten.

Nach dem spontanen Fototermin folgte das Gespräch. Was bedeutet denn nun Australien für Euch? Was hat es Besonderes mit Australien auf sich? Was macht Euer Land aus? Die reflektierten Antworten waren eher wortkarg. „The beach“, sagten die jungen Australier – das brachte Fabiana als waschechte Carioca nur ein müdes Lächeln auf’s Gesicht. „Wir wollen einfach feiern“, sagten Einige. „Wenn  wir die Nationalität eines anderen Landes hätten, würden wir eben für das andere Land feiern“, sagten Andere. Schade, dass ich sie nicht mal für fünf „Tage der deutschen Einheit“ nach Bremen verpflanzen konnte. Dann hätte ihre Antwort sicher anders ausgesehen.

Am reflektiertesten war just ein Asiate. Ich hatte ihn als Jagdobjekt ausgewählt, weil er so putzig mit seiner chinesischen Mütze und seiner australischen Flagge aussah. Gerne schoss er ein Foto mit mir. An Australien gefalle ihm die Toleranz und dass er hier mit offenen Armen aufgenommen worden sei. Er stamme aus den Philippinen und lebe nun seit 20 Jahren in Australien. Er fühle sich sowohl als Philippine als auch als Australier, aber seine Kinder seien in Australien geboren und seien ausschließlich Australier. Als er erfuhr, dass ich aus Deutschland stamme, lachte er und sagte auf deutsch: „wie geht es Dir?“ – er war übrigens bei weitem nicht der einzige Australier, den wir heute trafen, der etwas Deutsch kannte. Am Ende stellte sich heraus, dass er als Softwareentwickler an derselben Uni gearbeitet hat, an der ich nun mein Stipendium habe. Er gab mir seine Karte, und wahrscheinlich mache ich mit ihm bald ein Interview oder trinke einen Kaffee.

Jetzt bin ich also schon bei der Beantwortung unserer Spürhund-Frage von der verbalen auf die Beobachtungs-Ebene gesprungen. Sherlock Kühn konstatiert: Der Aussie-Philippine war keine Ausnahme in der Art und Weise, wie wir nach unserem Foto-Attentat freundlich behandelt wurden. Keine Spur von gegen uns gerichteter Fremdenfeindlichkeit oder australischer Überheblichkeit. Ohne Ausnahme alle Aussies freuten sich so sehr, dass wir ein Fotos mit ihnen schießen wollten, dass sie uns danach ausfragten, selbst mit uns ein Foto schießen wollten oder uns ihre e-mail-Adresse gaben. Also keine Spur von einem demonstrativ nach außen getragenen Aussie-Stolz, der gleichzeitig nicht darauf beruht, alle anderen Nationen zu entwerten oder herabzustufen.

Auftrag erledigt? War das „Fuck off! We are full“ also nur eine Randerscheinung von ein paar besoffenen Kids?  Eine weitere Beobachtung von uns lässt Zweifel aufkommen:

Auf dem Federation Square saßen zwei sehr beleibte blonde Teenager eingehüllt in australische Flaggen. Sie brüllten in einer Tour: „Aussie Aussie Aussie oi oi oi“ (klingt wie ozzzy, ozzzy, ozzyy oi oi oi) – den australischen Anfeuerungsruf für Sportler und „Happy Australia Day“. Es klang manchmal nicht nur schrill, sondern auch aggressiv. Wenn jemand nicht antwortete oder keine Reaktion zeigte, legten sie nach: „Hey – we are in Australia. We live the Aussie spirit.” Als sie gerade etwas verstummt waren und eine Pause einlegten, fing ich ein Gespräch mit ihnen an. Zu mir waren sie sehr freundlich und freuten sich sichtlich über die Aufmerksamkeit, die ich ihnen zu teil werden ließ. Was denn der „Aussie spirit“ sei, fragte ich sie. Es folgte eine Antwort in drei Schichten. Erste Schicht: „Keine Ahnung“. Pause. Zweite Schicht. Leise und unsicher gesprochen: „We are very multicultural.“ Pause. Dritte Schicht, mit spürbarer Emotion, ungefähr das Folgende: „We just don’t like when these Asian guys pass by and show no reaction when we talk to them. We are living in Australia and should act all like Australians”. Also doch etwas Unbehagen und Vorbehalte gegenüber die Asiaten.

Vielleicht ist diese Antwort der dicken Gören gleichzeitig eine Spur zum Verständnis des omnipräsenten Australiens bei der Kommunikation jeglicher Produkte. Als Australier wird man nicht unbedingt geboren, zum Australier bekennt man sich – und das ist gleichzeitig eine Norm neben all der demonstrativen Offenheit. Und indem man sich ein australisches Produkt kauft, bekennt man sich nicht nur zu seiner imaginierten Schicksalsgemeinschaft, sondern verleibt sich gleichzeitig ein  Stück Australien ein. Man isst und trinkt sich australisch – mit 100% australischen Tomaten, 100% australischem Beef und „pure Australian water“.

Dies ist aber ein anderes Thema, auf das ich bei Gelegenheit sicherlich noch einmal zu sprechen komme. Kommen wir zum Abschluss noch mal auf den Australia Day zu sprechen.

In der Presse gibt es eine große Debatte um diesen Tag – denn ähnlich wie in Deutschland ist das Datum der Feier umstritten. Ausgelöst wurde die Debatte vom frisch gekürten „Australier des Jahres“ (im Ernst, dieser wird offiziell zum Australia Day gekürt). Dieser hat sich dafür ausgesprochen, dass man den Tag auf ein anderes Datum verlegen sollte, da der jetzige Feiertag eher auf einen „Invasion Day“ hinweise. Der „Australia Day“ zelebriert nämlich die Ankunft des ersten Schiffes mit britischen Gefangenen in Australien. Es folgte eine brutale Unterdrückung der Aboriginies, für die sich der Premierminister im letzten Jahr offiziell entschuldigte. Er ist trotzdem nicht der Meinung, dass man den Tag verschieben sollte, weil seiner (offiziell verkündeten) Meinung nach gerade die Wandlungsfähigkeit aller Aussies in den Vordergrund gerückt werden sollte und der Tag die Bemühungen aller Australier nach dem Aufbau einer gemeinsamen Nation symbolisiere. In der Bevölkerung gibt es unterschiedliche Meinungen. Einige sagen, man solle sich vom Königreich England gänzlich lossagen und eigentlich erst den Tag der Ausrufung der Republik feiern. Andere fordern, den Tag der Ausrufung der australischen Federation zu feiern – nur das wäre dummerweise am 1. Januar, und dann müsste man ja von Silvester verkatert feiern.

Immerhin Einer ist ehrlich. In einem Leserbrief an die Zeitung „The Age“ wünscht er sich:

„Australia Day is a celebration for the fortune we have to live in this great country, and to give thanks for those who made this day possible, regardless of their race, history, belief or practice. If you look at it as a celebration, rather than an anniversary, it does not matter what day it is – as long as it is in summer. Why not make it in the last Monday in January?”

Zusammengefasst in eigenen Worten: Vergesst doch all diese historischen Datenschachereien. Gebt uns einfach immer einen Montag im Hochsommer frei, damit wir ein verlängertes Wochenende haben. Wir machen dann richtig Party und zeigen dadurch uns selbst und der ganzen Welt, wie toll Australien ist: Unser Barbecue lassen wir uns von keinem Krisengerede verderben .  

Dazu passt das Ergebnis einer Umfrage von Essential Research mit 1000 Australiern. Australian Associated Press meldet heute, dass über die Hälfte der Befragten nicht wusste, dass sich der Australian Day auf die Landung der ersten Flotte im Jahr 1788 bezog. Mehr als ein Viertel dachte, dass an diesem Tag Australien als Nation ausgerufen wurde. Andere dachten, dass Australien am 26. Januar von James Cook entdeckt wurde.

Also zusammengefasst: Sie wissen nicht, was Australien ist. Sie wissen nicht, was und warum sie feiern. Aber es fühlt sich gut an. Es ist Sommer, und man hat frei. Draußen ist was los, und auf der Straße ist man nicht allein. Ob man dafür wirklich einen Nationalfeiertag braucht?

Vielleicht habe ich schon zu viel „pures australisches“ Wasser getrunken – aber trotz aller durchaus berechtigten kritischen Stimmen kann ich nur eins sagen: Mir hat’s Spaß gemacht, und für mich war dieses gemeinsame Funkeln in den Augen beim Feuerwerk sowohl bei Asiaten, Europäern, Nur-Austalieren, Halb-Australiern und Drittel-Australiern beeindruckend. Chapeau, Australien.

Aussie Aussie Aussie Oi Oi Oi!!! Und für alle chinesischen Leser und Fans dieses Blogs: Happy new year!!!

 

23. Januar 2009

Diese Tage werde ich wiederholt von einer kindlichen Freude beseelt. Seit Montag laufen die Australian Open in Melbourne und sind zu einer dauerhaften Euphoriequelle für mich geworden.

Die Australian Open sind eines  der vier bedeutendsten Tennisturniere und gehören zur Grand Slam Serie. Nun muss ich gestehen, dass ich seit einigen Jahren kaum noch etwas von Tennisturnieren mitbekomme, was einerseits gesunkenem persönlichen Interesse und zum anderen der immer geringer gewordenen Präsenz von Tennis in deutschen Medien geschuldet ist. Infolgedessen kenne kaum noch einen Namen von den Top-Spielern.

Also ist mein nicht abreißen wollendes Interesse eigentlich unverständlich. Es ist aber Bestandteil eines etwas surreal wirkenden Phänomens: Ich fühle mich hier in Melbourne aus unerfindlichen Gründen eher zu Hause als in der Fremde – und mehr noch ich fühle mich manchmal, als ob ich zurück gekehrt wäre in eine vergessene Epoche meiner Kindheit und Jugend, ohne dass ich es als Wiederholung erlebe. 

Als ich vor einigen Tagen in St. Kilda am Strand spazieren ging, dachte ich plötzlich: Wie in Mürwik in meiner Geburtsstadt Flensburg. Ein starker, etwas kühler Wind wehte mir um die Ohren, über mir kreisten Möwen, und ein Pier führte ins stille Meer, das von keiner Welle bewegt wurde. So kam es mir vor – und doch hat Melbourne natürlich objektiv gesehen nicht viel mit Deutschland gemein, auch der Strand von St. Kilda nicht. Zum Beispiel das Klima – das Wetter schwankt zwar durchaus plötzlich wie im Sommer an der Ostsee, aber die Spannweite ist doch eine andere: Jeden Tag dominiert die Sonne, und nach über drei Wochen Melbourne habe ich hier noch keinen Tropfen Regen gesehen.

Und doch fühle ich mich hier manchmal so, als ob ich nach Hause zurück gekommen wäre - und als ob ich  neben meinem verbrieften Alter von 37 Jahren zur selben Zeit auch 18 und 12 Jahre alt wäre . Vielleicht kann man in Australien nicht nur drei Staatsangehörigkeiten gleichzeitig haben, sondern auch drei Lebensalter?

Nicht nur das wirkt surreal – es geschehen auch mehrere unwirklich erscheinende, seltsame Dinge: Zum Beispiel esse ich hier jeden Tag 2-3 mal am Tag warm – und reichlich Kohlenhydrate. Jeden Tag gibt es lecker Nudeln oder Reis - nichts mit Gemüse-Diät oder so. (Wenn ich Glück habe, brät mir Faz am Morgen ein doppeltes Spiegelei für den Toast – deshalb bis zu dreimal am Tag warmes Essen). Zu Abend esse ich oft erst nach 10 Uhr und kaum ein Abend, an dem ich nicht  zumindest etwas Wein oder Bier trinke. Sprich, genauso ein Leben, wie ich es problemlos als Jugendlicher in Flensburg führen konnte, als ich regelmäßig Sport getrieben habe und dank meines Alters noch ordentlich Kalorien verbrannt habe – aber wie ich es mir heute als Büroarbeiter nur auf Kosten einer wachsenden Entfremdung von meinem sich ausbreitenden Körper leisten könnte.  Hier in Melbourne gibt’s zwischendurch noch Kaffee mit Zucker und ab und zu ein leckeres Süßgebäck oder portugiesisches Törtchen.

In Deutschland würde ich in Nullkommanichts fetter und fetter werden - und hier werde ich von Tag zu Tag immer leistungsfähiger. Seit einer Woche erhöhe ich von Tag zu Tag die Geschwindigkeit beim Laufen im Fitness-Center im 45. Stock, weil mir das Tempo plötzlich so lahm erscheint.  Genauso, als ob ich noch als 18-jähriger im Training stünde. Und das Ganze strengt nicht einmal an, zumal auf dem Laufband ein Fernseher eingebaut ist. Ich setze mir die Kopfhörer auf, renne los und sehe dabei Tennis. Heute bin ich sogar noch 15 Minuten länger gerannt als geplant, um das Ende vom Spiel mit Venus Williams zu sehen.  Nach knapp 50 Minuten war ich immer noch nicht erschöpft und hätte problemlos noch weiter laufen können, wenn Venus noch den Ausgleich erzielt und nicht nach 5:2 Führung mit 5:7 verloren hätte. Als ob ich noch im Training stünde - wie als regelmäßig sporttreibender Jugendlicher.

Und wie im Alter von 12 Jahren fühle ich mich jeden Tag, wenn ich neugierig den Spielplan  der Australian Open verfolge oder einen Blick auf die Spielresultate werfe. Obwohl ich weiß, dass es eigentlich Schwachsinn ist, fühle ich wieder die gleiche Faszination, wie ich sie als Kind hatte, als ich (ziemlich stumpfsinnig) stundenlang den Ball an die Wand gehauen oder Turnierpläne erfunden habe. Zu meinem Glück sind die Australian Open hier omnipräsent: Das Fernsehen überträgt von 11 Uhr bis Mitternacht ununterbrochen live, im Internet gibt es einen Spielplan für den nächsten Tag, auf dem die Reihenfolge der Paarungen für alle Plätze aufgeführt ist – und außerdem einen sich automatisch aktualisierenden Live-Ticker mit den Zwischenergebnissen aller laufenden Partien. Und auf dem Federation Square mitten in der City gibt es eine große Leinwand für‘s Public Viewing.

Als am Montag die Australian Open begannen, machte ich sofort einen Spaziergang um das Turnier-Areal und spürte schon, wie es anfing, in mir zu kribbeln. Am Dienstag kaufte ich dann für Fabiana und mich einen Late Ground Pass für 20 Australische Dollars. Mit ihm konnten wir ab 17h auf alle Plätze, bis auf die beiden Centre Courts. Da noch die erste Runde lief, gab es überall noch Spiele, unter anderem auf drei Courts, die so luxuriös wirkten, als seien sie selbst Hauptplätze. Ich war so aufgeregt, dass ich Angst hatte, etwas zu verpassen. Wir sahen unter anderem das Comeback von Tommy Haas und das Night-Game von James Blake, den ich vorher nicht kannte, der aber immerhin die Nummer 9 der Weltrangliste ist.

Vielleicht fragt Ihr Euch, was mich so an den Australian Open fasziniert. Ich weiß es auch nicht, schätze aber, dass meine Begeisterung etwas mit meiner Kindheit zu tun hat – und damit, dass ich plötzlich in Australien bin, obwohl ich eigentlich nie davon geträumt habe. Ich muss gestehen, lange Zeit wusste ich kaum etwas über das Land. Ich hatte zum Beispiel bis kurz vor meiner Reise hierher keine Ahnung,  dass Australien früher eine Sträflingskolonie gewesen ist.  Auch wenn man mich nach der Hauptstadt gefragt hätte, wäre ich ins Stocken geraten, hätte überlegt und mich mit Sicherheit nicht für Canberra als Antwort entschieden. Vielleicht hätte ich Melbourne gesagt, weil Melbourne für mich seit Kindesbeinen an eigentlich das Einzige ist, was zumindest einmal im Jahr dazu geführt hat, dass Australien bei mir nicht gänzlich in Vergessenheit geriet und von der subjektiven Wichtigkeit für mich auch auf eine Größe mit den Fidschi Inseln oder Madagaskar schrumpfte: die Australian Open als Tennis Grand Slam Turnier haben mich insbesondere so lange fasziniert, als ich noch ein Tennisspieler und sportbegeistert war. Die olympischen Spiele in Sydney sind dagegen fast spurlos an mir vorbei gerauscht, da ich zu dieser Zeit kein Interesse mehr an Sport hatte.  Melbourne bedeutet für mich aber seit Kindheit an: gleißend heiße Sonne im Januar, Hartplatz-Tennisplätze in hellem Licht und ein faszinierend großer Zeitunterschied, der dazu führte, dass dort Tag war, als bei uns die Nacht herrschte.  Ein Hauch von Abenteuer und ein Ausbruch aus dem Alltag, wenn man nachts aufblieb, um die besonders wichtigen Spiele zu sehen, die man mit Spannung erwartete, oder ein willkommener Grund zum Aufwachen, wenn man am Morgen schon die Zusammenfassung sehen konnte, was sich dort inzwischen alles abgespielt hatte.

Trotz meiner schon bestehenden Vorfreude war ich am Dienstag von dem Besuch der Veranstaltung noch mehr angetan als ich es erwartet hatte. Zum Beispiel war ich viel näher am Spielfeld, als ich es gedacht hatte. Und die Stimmung war viel lockerer als man es mit Tennis in Verbindung bringt. Mehrfach machten wir bei "La Ola"-Wellen mit, die beim Nachtspiel durch das Publikum rauschten. Ein bisschen hatte das Ganze dank des internationalen Publikums etwas von einer Mini-Fußball-WM, wie in Deutschland 2006 – allerdings ohne gröhlende Massen und dumpfe nationalistische Größenwahnphantasien. Nur ein Beispiel: Als wir nach Hause gingen, lief im Melbourne Park noch das Spiel von Nadal gegen einen Belgier auf einer Großleinwand. Es stand 6:0, 2:0 für Nadal, der dem armen Belgier keine Chance ließ. Als der Belgier dann immerhin auf 1:2 verkürzte, klatschen die vielen Zuschauer, die auf dem Rasen vor der Großbildleinwand saßen. Die angereisten belgischen Fans zeigten Humor und starteten vor Freude über das Ehrenspiel eine Polonaise.

Seitdem wache ich jeden Tag auf und will zu den Australian Open. Natürlich erlaube ich mir das nicht, denn schließlich habe ich hier zu arbeiten und ein spannendes Projekt zu bewältigen, für das mir nicht gerade viel Zeit zur Verfügung steht. Immerhin kann ich sagen, dass die Beobachtung nationaler Feiern bei der Veranstaltung quasi zu meiner Aufgabe gehört, aber trotzdem hilft mir das nicht, meine selbst gesteckten Ziele und die an mich gerichteten Erwartungen zu erfüllen. Am Mittwoch habe ich also in meinem neuen Büro an der Monash Uni gearbeitet. Das Ganze hatte aber einen Haken: Ich hatte dort  noch keine Internetverbindung, weil ich noch auf den Uni-Techniker warten musste. Zwar gelang es mir, mich zu konzentrieren, doch ich muss gestehen: Gute Laune bekam ich erst am Abend auf dem Laufband, als ich Tennis sehen konnte. Am Donnerstag dann war es besser: Ich saß die ganze Zeit mit meinem Laptop in der State Library, wo es einen kostenlosen Zugang zu High-Speed Wireless Internet gibt. Ich war richtig gut drauf und habe schnell wie selten produziert, und zur Belohnung habe ich immer wieder den Live-Ticker aufgerufen und geguckt, wie es auf den diversen Plätzen steht. Eigentlich nur ein Zahlensalat, nicht einmal Bilder konnte ich sehen. Und trotzdem war ich glücklich. Hey buddies, als ich 12 Jahre alt war, war ich auch ganz fasziniert von Zahlen. Hättet Ihr das von mir als qualitativem Forscher erwartet? Parallel dazu habe ich mir heute bei Youtube über Kopfhörer Musikvideos angehört, und vor mir flanierten lauter Leute aus aller Welt, welche die Bibliothek für einen kostenlosen Internetzugang nutzen wollten. Bestimmt auch viele Besucher der Australian Open. Auf jeden Fall ein inspirierendes Ambiente.

Mindestens zwei bis dreimal werde ich wohl auch noch persönlich zu den Spielen gehen. Darauf freue ich mich schon. Wahrscheinlich kaufe ich mir morgen Karten für’s Halbfinale in der Rod Laver Arena, um auch die Topspieler mal zu erleben. Wenn Ihr Zeit habt, schaut doch mal ins Fernsehen und guckt, ob Ihr mich im Publikum entdeckt, wie ich in die Kamera winke. Und falls Ihr mich seht, sagt mir bitte danach, wie alt ich wirklich bin – sah ich eher aus wie 37, 18 oder 12? Oder vielleicht wie 55 oder 83, denn wer weiß, vielleicht kann man hier nicht nur drei, sondern auch fünf Lebensalter zugleich haben, die ich nur noch nicht wiedererkenne, weil ich sie erst noch erleben muss?

Ok, mates, der nächste Blog wird weniger surreal, ich verspreche es Euch…  Aber nur wenn ich weiter Pasta essen kann und trotzdem nicht dicker werde!

See ya!

17. Januar 2009

Es nähert sich ja nun die Amtseinführung von Barack Obama als Präsident der Vereinigten Staaten – und als globaler Hoffnungsträger. Hand auf’s Herz: Wenn Ihr auf einen Knopf drücken könntet und sich die Welt Eurer Entscheidung gemäß verändern würde: Würdet Ihr lieber Barack Obama als Euren Präsidenten haben oder Angela Merkel als Bundeskanzlerin? Ihr habt zwei Knöpfe zur Auswahl: Drückt Ihr den ersten, bleibt alles beim Alten und Barack Obama wird Präsident der USA. Drückt Ihr den zweiten, ändert sich die Welt: Es gibt keine Nationalstaaten mehr, sondern eine Globalregierung mit Barack Obama als Präsident. Ist das für Euch eher eine Wunsch- oder eine Horrorvorstellung? Wäre es für Euch die ins Gesetz gegossene Hegemonialisierung einer Region über andere, bei der „deutsche“ Interessen, Kultur und historisch begründete Standpunkte zu kurz kommen? Oder eher die Überwindung eigentlich längst überkommenen, bornierten Kleingärtnerdenkens in nationalen Grenzen, bei denen Gerechtigkeit und die effiziente Bewältigung globaler Aufgaben aufgrund zu vieler imaginiert-nationaler Machtspiele zu kurz kommen? Ich gebe Euch 5 Sekunden für Eure Entscheidung. 5,4,3,2,1 – und? Wofür habt Ihr Euch entschieden?

Ich weiß schon, Ihr müsstet mehr über Hintergründe und Funktion des alternativen Systems wissen und blablabla. Ihr habt ja recht, so hätte ich auch geantwortet. Ich könnte Euch noch weiter ausfragen – etwa: Wie würdet Ihr Euch verhalten, wenn in verschiedenen Regionen der Welt die Massen auf die Straße gehen würden, um gegen Nationalität als solche zu demonstrieren. Also nicht gegen die Politik irgendwelcher Staaten und  nicht für offene Grenzen, die zum Beispiel den Eintritt in die USA oder in Staaten der EU ermöglichen würden. Nicht gegen bestimmte Nationen, sondern gegen Nationalität und die Nation als Ordnungsprinzip, das mich zum Deutschen und sie zum Bolivianer, Somalier oder Afghanen macht. Nennen wir die Bewegung mal „No nations, just humans“. Eine Bewegung, die für mehr internationale Gerechtigkeit und Chancengleichheit eintritt, gleichzeitig aber auch nationalstaatliche Wohlfahrts- und Absicherungssysteme in Frage stellt, also Eure Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung. Würdet Ihr mit demonstrieren? Oder würdet Ihr Euch wünschen, dass der Aufstand niedergeschlagen wird? Ich weiß, ich weiß: Ich polarisiere wieder zu stark und drücke Euch in Antwortkategorien, in die Ihr nicht hinein wollt. Dabei bin ich doch qualitativer Forscher und sollte eigentlich offene Fragen stellen… Lassen wir das Spielchen also, bleiben aber mal beim Thema Nationalität, mit dem ich mich ja nun die nächsten Monate im Rahmen meines Forschungsprojekts beschäftigen werde – und ich hoffe, meine etwas überspitzten Spielchen haben deutlich gemacht: Die Frage ist nicht ganz ohne und hochkomplex.

In Australien fand ich bisher einen Sachverhalt sehr auffallend:  Dass sich viele Australier nicht nur über eine einzige nationale Identität definieren, sondern über einen Bezug auf mehrere Nationen. Das erscheint mir in mehrfacher Hinsicht interessant: Erstens natürlich psychologisch für das eigene Selbstverständnis, zweitens aber auch für die Bedeutung des Konzepts der nationalen Identität, das zumindest hinsichtlich eines einfachen Passungsverhältnisses zwischen (imaginierten) nationalen Werten, Deutungs- und Handlungsmustern auf der einen Seite und dem eigenen Handeln dadurch in Frage gestellt wird: Wenn man sich zugleich mehreren Nationen zugehörig fühlt, ist es schwieriger sein eigenes Handeln, Fühlen und Denken als typisch deutsch, englisch, brasilianisch etc. zu definieren.

Drittens  - und das finde ich besonders erwähnenswert – prägt dieser individuelle multi-nationale Bezug auch den gesellschaftlichen Hintergrund, der gleichzeitig ja auch soziale Deutungsmuster zur Verfügung stellt: Mehrere nationale Bezugspunkte zu haben, ist ganz normal.  Man wird dadurch nicht zum Fremden, Außenseiter oder zu jemand ganz Besonderes. Die Norm ist also nicht: „Du solltest Dich als Angehöriger (genau) einer Nation fühlen, sonst stimmt etwas nicht mit Dir.“ Und das Mischmasch von Menschen verschiedener ethnischer Herkunft führt auch dazu, dass nicht auf einen Blick zu erkennen ist, wer „fremd“ ist und wer nicht. Während ich in Brasilien zum Besipiel trotz portugiesischer Sprachkenntnisse sofort als Gringo identifiziert werde, bin ich hier einer unter vielen im multikulturellen Gemisch. Manchmal bemerke ich bei meinen Gesprächspartnern sogar leichtes Erstaunen, wenn Ihnen bewusst wird, dass ich keine australische (Zweit-) / (Neben-) Identität habe.

Mehrfach ist Fabiana und mir schon aufgefallen, dass bei der Frage, woher jemand komme, mehr als eine nationale Referenz angegeben wird. Zum Beispiel ein Gespräch in der Apotheke: Die Verkäuferin fragte uns, wo wir her kämen. Obwohl wir beide längere Zeit in anderen Ländern gelebt haben und jeweils die Aufenthaltsberechtigung in einem anderen Land besitzen, antworteten wir jeweils mit einer auf ein Land ausgerichteter zusammenfassenden Referenz: Ich definierte mich als Deutscher, Fabiana als Brasilianerin. Dann fragte ich die Verkäuferin, woher sie denn komme. Sie sei in Australierin, sagte sie mir, aber ihre Familie stamme aus Bangladesch.

Mein Mitbewohner Faz hat heute zwei Freunde eingeladen. Beide haben wie er die australische Staatsangehörigkeit, könnten sich aber genauso gut als Fremde definieren. Brendon stammt aus Malaysia. Michael, der ein Rechtsanwaltskollege von ihm ist, hat sogar drei Staatsangehörigkeiten: Er ist griechischer Abstammung und hat einen griechischen Ausweis. Aufgewachsen ist er jedoch in den USA – und wurde mir von Faz daher als „Amerikaner“  vorgestellt. Zum Studium ist er nach Australien gekommen, wo er, nach einer Unterbrechung, nun seit langem lebt und mit einer Australierin verheiratet ist und ein Kind hat. Er ist also zugleich Grieche, US-Amerikaner und Australier. Zur Zeit spielt er mit dem Gedanken, eine Firma zugründen, die Asiaten bei der Migration nach Australien unterstützen soll, sowohl hinsichtlich rechtlicher als auch organisatorischer Fragen.

Wenn ich mich recht erinnere, war es für mich das erste Mal in meinem Leben, dass ich jemand mit einer trinationalen Staatsangehörigkeit getroffen habe. Für die Australier wird es dagegen immer mehr zur Normalität - Michael sagte, immer mehr Menschen hier hätten drei Staatsangehörigen. Insofern wird  gerade diese nationale Mixtur zu etwas, das „typisch australisch“ wird – und somit zu einer nationalen Besonderheit. Paradox?

 

12. Januar 2009

 

The book is on the table, the table, the table

The dog is on the table, the table, the table

The cat is on the table, the table, the table

The chicken is on the table, the table, the table

Everybody is on the table, the table, the table

 

Hi guys,

Heute hatten wir einen tollen Sonntag: Unser neuer Mitbewohner Faz und seine Freundin Barbara haben mit uns eine Spritzfahrt mit dem Auto unternommen. Lange nicht mehr habe ich so viel gelacht. Vier Leute mit ganz unterschiedlichem Hintergrund vergnügt in einem Auto: Eine vielleicht in Australien etwas weniger ungewöhnliche Mischung als anderswo auf der Welt. Fabiana aus Rio und ich aus Deutschland. Faz stammt aus Afghanistan, hat das Land aber im Alter von 4 Jahren verlassen und danach u.a. in Russland gelebt, bevor er nach Australien kam. Barbaras Familie stammt aus Hong Kong, ihr Vater war ein bedeutender Schüler von Bruce Lee. Sie selbst ist aber in Australien geboren, und obwohl sie wie eine Chinesin aussieht, spricht sie perfektes Aussie-Englisch mit Akzent. So sagt sie zum Beispiel: „Ai hait it“ statt I hate it.

Viel Spaß hatten wir heute mit Sprachspielen. Wenn Fabiana zum Beispiel nach ihrer Heimatstadt gefragt wird,  klingt das für die Aussies wie „Hiu dschi schaneiro“. „Oh nice, and where is that in Brazil?“. Rio de Janeiro erkennen sie nicht. Wir haben auch viel gesungen. Faz und Barbara haben sich über den brasilianischen Funk-Song „The book is on the table“ amüsiert, den Fabiana und ich im Duett angestimmt haben. Darin nehmen die Brasilianer ihren eigenen Englischunterricht auf die Schippe, in dem zwar jeder die Standardphrase „The book is on the table“ lernt, aber nicht wirklich darüber hinaus kommt, geschweige denn auf den Alltag vorbereitet wird. Bei Youtube finden sich einige amüsante Versionen dazu, zum Beispiel: http://br.youtube.com/watch?v=EIQMr5yLoqo oder http://br.youtube.com/watch?v=jyF9tjZ6ZI8

Wohl alle summen wir manchmal im Auto oder auf der Straße englische Songs, von denen wir nicht alle Wörter verstehen und sie durch lalala oder Platzhalter ersetzen. Besonders kreativ gehen die Brasilianer damit um. In Brasilien ist eine improvisierte Fassung  von „We are the world“ zu landesweiter Berühmtheit gekommen, ohne dass darin ein einziges korrektes englisches Wort enthalten ist. Gesummt wurde es im Rahmen einer Big Brother Staffel, ausgestrahlt mit Untertiteln, die den Brummlauten nachempfunden wurden. Heute kennen wahrscheinlich mehr Brasilianer den Text von „i-ar-nuou“ als von „We are the world“ (Das Video mitsamt Untertiteln ist auch auf Youtube zu sehen: http://br.youtube.com/watch?v=Nz4pdBjA6Uk). Faz erzählte uns von einer ähnlichen Begebenheit, die er während eines Urlaubs in Vietnam erlebt hatte: Er habe mit einer Gruppe von etwa 15 Leuten in einem Restaurant gegessen, als ein Straßenmusiker hereinkam. Er intonierte unter anderem „Hotel California“, mit absolut korrekter Melodie, aber ohne vom Text auch nur eine Zeile des Textes wirklich zu kennen. Aus Hotel California wurde Hotel Nananala. Der Gruppe habe diese Version so gefallen, dass der gute Mann noch eine Zugabe zum besten geben musste, aber dafür am Ende mit reichem Trinkgeld beschenkt wurde(vielleicht sah es im Original etwa so aus, obwohl die Musiker im Video den Text können: http://br.youtube.com/watch?v=PmoDjpdPqBk)

So saßen wir heute also  alle gemeinsam im Auto, fuhren an der australischen Küste entlang und trällerten in beschwingter Multikulti-Gemeinschaft „Hotel Nananala. Na-na-na…“.  Danach mussten auch noch ein paar andere HipHong Songs dran glauben, denen Fabiana und ich ein ehrliches „na-na-na“ hinzufügten, weil wir den Text wirklich nicht verstehen. Mit Faz und Barbara trieben wir im Laufe der Reise auch unsere Späße. Wenn irgendjemand von Euch mal nach Brasilien reisen sollte,  und Ihr dort gebeten werdet pão na mão, mão no pão“ (Brot in der Hand, Hand am Brot) zu sagen – nehmt Euch in acht, wenn Ihr es falsch aussprecht, ändert sich die Bedeutung…

Der Ausflug selbst war auch sehr schön. Eigentlich wollte Barbara, dass wir alle auf einer Farm Kirschen pflücken gehen. Aber dann haben Faz und Barbara erst einmal ein spätes Frühstück für uns zubereitet (they are so cute!) - und danach so lange Zeit für ihre mittägliche Morgentoilette gebraucht, dass die Farm schon kurz vor unserem Aufbruch am frühen Nachmittag geschlossen hatte. Wir fuhren deshalb erst gar nicht dorthin, sondern erst einmal ganz relaxed in ein Cafe und dann an einen Strand, der etwa 30 Kilometer außerhalb gelegen war. Sehr schön und gleichzeitig total windig und zu kalt zum Baden. Ein bisschen wie Sylt im Frühsommer – aber nur von den Wetterbedingungen, nicht von den Leuten. Danach wollten die beiden uns ein von ihnen heiß geliebtes vietnamesisches Restaurant zeigen. Auf dem Weg machten wir noch spontan an einer am Straßenrand gelegenen Golf Driving Range halt und übten mit 200 Bällen zu viert den Abschlag. Ganz schön schwer! Am Ende dann doch das vietnamesische Restaurant ohne jeden Hauch von Touri-Atmosphäre und mit wirklich tollem Essen, aber leider ohne Hotel Nananala Sound. Watch out my new photos!

Habt Ihr bei den Photos mich mit dem grünen Büchlein gesehen?  Haltet Ausschau, denn das Büchlein ist mein Zauberelixier! Darin werden Ideen geboren!!! Am Freitag habe ich es mir gekauft und dann einen langen Spaziergang gemacht, der mich nach mehreren Stunden bis an den oberen Rand des Stadtplans von Melbourne gebracht hat. Das grüne Zauber-Buch war zusammen mit einem Stift in der Hosentasche. Während des Spazierengehens habe ich an meine Projekte gedacht, die ich hier in Melbourne während der noch verbleibenden gut vier Monate meines Aufenthalts realisieren will. Vor meinem Spaziergang habe ich etwas matt am Computer gesessen, aber während ich durch Straßen ging, die ich vorher noch nie gesehen hatte, fingen meine Gedanken an zu fließen.  Immer wieder machte ich auf irgendeiner Bank am Straßenrand halt, nahm meinen Kugelschreiber aus der Tasche und begann meine Ideen aufzuschreiben. Dann ging ich weiter. So macht Arbeiten nicht nur Spaß, sondern ist auch effektiv. Das Buch wird jetzt mein ständiger Begleiter!

Ihr seht, mir geht es hier sehr gut in Melbourne. Abgeschottet von allem Übel schaue ich auf den blauen Himmel. Mein Onkel hat mir vor Beginn der Reise gesagt, dass ich mich vor dem Schlafengehen anschnallen soll, um nicht vom Rand der Welt hinab zu fallen. Manchmal allerdings kriege ich vom Rest der Welt doch noch etwas mit: Wenn ich ab und zu auf deutschen Internet-Seiten surfe, jagt eine Katastrophe die nächste. Allenthalben Krise, als ob es kein Entrinnen gäbe. Wie ein Krisenbottich, der sich auf uns wirft, uns einschließt und nicht mehr raus lässt. Von Angst bis Selbstmord wird auf der Klaviatur der Krise gespielt. Natürlich habe auch ich gerne die Kontrolle und freue mich, wenn ich sehe, wie Ideen von mir zu Projekten wachsen oder ich Prozesse erfolgreich bewältige oder in Gang bringe. Aber ist doch traurig, wenn man sich von sprachlichen Konstrukten wie „Verlust“, „Niedergang“ oder „Scheitern“, ja sogar „Besitz“, so stark terrorisieren lässt, dass man dafür sein eigenes Leben opfert und nicht mehr das Potenzial sieht, das jeder neue Tag bringt.  Als ob Glücklichsein davon abhängen würde, wie viele Nummern man auf einem Konto hat oder ob man irgendwo als „Eigentümer“ aufgelistet wird. Guys, versteht mich nicht falsch – ich plädiere hier weder für die Abkehr vom Materiellen, noch rufe ich aus, dass Geld unnütz ist oder gar stinkt. Ich schreibe selbst Rechnungen und glaubt mir: Meine Augen leuchten, wenn das Geld auf meinem Konto eintrifft. Wie viele von Euch auch, weiß auch ich nicht, was diese „Krise“ noch alles bewirken wird – und natürlich bin ich als selbständiger Sub-Unternehmer keineswegs unabhängig von ihr. Ich finde deshalb auch nicht, dass wir die Augen schließen und die Ohren zuhalten sollten, um Party zu machen, als  ob nichts wäre. Aber andrerseits, wenn wir immer nur noch an „die Krise“ denken, bringen wir uns doch selbst in eine.  Und werden vor lauter Krisendiskursen selbst immer miesepetriger, so dass wir die Krise nur noch stärker  fühlen und andere fühlen lassen – und uns in unserem konstruierten Krisenbottich einigeln.

Die Krise ist da, aber das hindert mich nicht daran, weiter mit anderen im Auto Lieder zu summen, deren Text ich nicht verstehen kann. Und Krise hin oder her, mich interessiert mein kleines grünes Buch, mit dem ich durch die Straßen von Melbourne ziehen kann. Und ich bin optimistisch, dass sich dort in den nächsten Wochen viele gute Ideen ansammeln. Die „Krise“ wird dadurch sicherlich nicht gelöst, sondern noch häufiger über den Schirm meines Laptops flimmern. Und trotzdem wäre ich beruhigter, wenn ich wüsste, wenn es noch mehr Leute außer mir gäbe, die sich ein kleines Büchlein kaufen würden, um damit durch die Straßen zu ziehen, während sie leise „the book is on the table“ vor sich hin summen. Denn nicht nur in Melbourne gibt es noch so viele Straßen, die wir nicht kennen. Hier also mein Schlussapell: Kauft Euch alle ein kleines grünes Büchlein, steckt Euch einen Kugelschreiber ein und geht spazieren! Und summt Popsongs, auch wenn ihr den Text nicht kennt! Krise hin oder her: The book is on the table. Schlagt es auf, lest es, schreibt rein oder malt Figürchen. Everybody is on the table, the table, the table. Der Tisch ist Euer: Macht was draus, solange Ihr drauf steht!

Und in meinem nächsten Leben werde ich Pastor oder Verkäufer im Schreibwarenhandel…

See ya, guys, and have a good week!

 

07. Januar 2009

Hi guys,

Seit gut einer Woche sind wir jetzt schon in Melbourne. Zeit, einen ersten Eintrag hier im Blog zu schreiben.

In dieser Woche haben wir schon eine ganze Menge geschafft. Viele Formalitäten sind erledigt. So habe ich schon ein Bankkonto, und seit gestern haben wir auch eine Wohnung, nachdem wir vorher eine Woche im Haus von Terri untergekommen sind.

Wir wohnen jetzt im Shopping-Center!  Nein, nicht als lebende  Ausstellungsstücke in einem der Geschäfte. Über dem hypermodernen und riesigen Shopping-Center QV mitten im Herzen von Melbourne gibt es ein 45-stöckiges Hochhaus. Wir sind im 13. Stock untergekommen. Vom Balkon hat man einen tollen Blick auf die Stadt. Im 45. Stock gibt es einen Swimming-Pool und ein Fitness-Center mit Panoramafenstern. Not too bad!

Zusammen mit uns wohnt ein 34jähriger auf Afghanistan stammender Rechtsanwalt, der Faz heißt. Er lebt seit langem in Australien und spricht perfekt Englisch.  Für uns eine neue Erfahrung: Für ein paar Monate werden wir jetzt also in einer WG wohnen.  Wir haben lange hin und her überlegt, ob wir das wollen, und uns am Ende dafür entschieden, um schneller Kontakte zu knüpfen und unser Englisch zu verbessern. Und die coole Location hat am Ende unseren Entschluss auch erleichtert.

Die Wohnungssuche hat knapp eine Woche gedauert und ist eigentlich eine Story für sich. Die Mieten hier werden auf Wochenbasis berechnet und angepriesen, was zunächst einmal sehr verwirrend war. Unser Problem ist, dass wir knapp 5 Monate bleiben, Mietverträge in der Regel aber für 1 Jahr ausgestellt werden. Daneben gibt es ein paar Anbieter, die für Executives auf Monatsbasis Appartments anbieten. Aber alles zu gesalzenen Preisen, denn in Melbourne herrscht Wohnungsmangel. Da findet man schon mal ein 1-Zimmer-Appartment mit integrierter Kochnische zu einem Preis, bei dem einem die Wohnungsmieten in Hamburg als bescheiden erscheinen. Wenn man unmöblierte Wohnungen für 1 Jahr mietet, ist es aber preiswerter.

Es gibt ein paar tolle Seiten, in denen „flatmates“ – also Mitbewohner - gesucht werden. Bei der Suche haben wir haben schmutzige Löcher in tollen Villen ebenso gesehen wie modernste Zimmer. Am spannendsten war der Kontakt mit den Leuten. Zwei Chinesinnen suchten ruhige  Mitbewohner. Als wir uns das Zimmer anguckten, mussten wir uns erst mal die Schuhe ausziehen. Ein Malaysier und eine Nepalesin suchten einen Mitbewohner, wollten aber nicht, dass dieser ihren Kühlschrank anfasst. Wenn wir dort eingezogen wären, hätten wir uns also einen eigenen Kühlschrank kaufen müssen. Ein Student aus Sri Lanka wollte uns ungefähr ein 3*3 Meter großes Zimmer in einer kleinen Bude für 170 Euro die Woche vermieten. Zum Glück haben wir jetzt eine Bleibe gefunden!

Melbourne an sich gefällt uns sehr. Die Stimmung ist sehr relaxed, und die Leute sind sehr hilfsbereit und freundlich. Es fällt auf, wie viele Asiaten oder aus Asien stammende Menschen hier leben. Die bunte Mischung an Leuten fasziniert mich total, jede Fahrt mit der Straßenbahn ist ein Erlebnis. Ich bin schon gespannt, wie die Australier in meiner Forschung diese Vielfalt wahrnehmen. Es ist überhaupt nicht leicht festzustellen, wer die Australier eigentlich sind, denn als Einwanderungsland leben viele Asiaten hier in der zweiten Generation oder haben inzwischen die australische Staatsbürgerschaft erhalten. Viele reiche Asiaten kommen wohl auch zum Studium nach Melbourne. Es gibt hier allein sieben Universitäten, und ein Studium ist kostspielig, aber attraktiv, weil man an renommierten Universitäten ausgebildet wird, Englisch lernt und näher an der südostasiatischen Heimat ist als bei einem Studium in den USA.

Es gibt aber nicht nur asiatische Einflüsse, sondern auch europäische. Insbesondere Italiener haben hier ihre Spuren hinterlassen, und das gefällt mir natürlich besonders: Es gibt richtig guten Kaffee, und eine ganze Straße voller italienischer Restaurants mit Spitzen-Pasta zu fairen Preisen.

Australien ist in der Werbung omnipräsent: Viele Produkte werben damit, dass sie aus Australien stammen und 100% australisch sind. Selbst bei McDonald’s wird mit „100%  pure Aussie beef“ geworben.

Neben der Wohnungssuche haben wir uns in der ersten Woche aber auch den schönen Seiten des Lebens in Melbourne gewidmet: Es gibt hier öffentliche Tennis- und Golfplätze! Man geht einfach auf den Tennisplatz und fängt an zu spielen. Beim Golfen zahlt man ein paar Euro, wenn man 9 oder 18 Löcher spielen will. Es gibt aber auch eine öffentliche Driving Range, auf der man den Abschlag sowie „chip and put“ üben kann. Am Sonntag haben wir bei strahlender Sonne ausprobiert. Fast 2 Stunden haben wir gespielt und mussten dafür insgesamt ca. 8 Euro zahlen.

Das Wetter hier war zunächst viel zu kalt, als wir angekommen sind.  Schließlich ist hier Sommer, und trotzdem mussten wir an den ersten beiden Tagen Pullover und Mantel tragen. Terri hat uns das so erklärt, dass Melbourne zwischen heißer Wüste auf der einen Seite und Antarktis auf der anderen Seite liegt. Je nach Wetterlage können die kalten Winde der Antarktis dafür sorgen, dass es hier ganz schön kalt wird. Die letzten drei Tage waren aber richtig schön, mit Temperaturen zwischen 25 und 29 Grad und Sonne satt. Besonders gefallen mir die langen Tage. Dunkel wird es erst um 21 Uhr. Sobald die Sonne weg ist, wird es aber zu kalt, um im T-Shirt auf der Straße zu laufen.

Am 15. Januar beginne ich offiziell meine Tätigkeit an der Monash University.  Bis dahin werde ich hier in meiner Wohnung im Shopping-Center arbeiten. Fair enough!

Cheers and see ya‘!